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Stephen Harper
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Stephen Joseph Harper, CC, PC (* 30. April 1959 in Toronto) ist ein kanadischer Politiker. Von 2006 bis 2015 war er der 22. Premierminister Kanadas. Harper war eines der GrĂŒndungsmitglieder der Reformpartei. Ab 1993 war er Abgeordneter des Wahlkreises Calgary West im Unterhaus. Nach internen Auseinandersetzungen trat Harper 1997 aus der Reformpartei aus und gab sein Parlamentsmandat auf. 2002 wurde er zum Vorsitzenden der Kanadischen Allianz gewĂ€hlt und zog als OppositionsfĂŒhrer wieder ins Unterhaus ein, in dem er seither den Wahlkreis Calgary Southwest vertritt. 2003 vereinbarte er mit dem Vorsitzenden der Progressiv-konservativen Partei die Fusion beider Parteien und wurde im MĂ€rz 2004 zum Vorsitzenden der neu gegrĂŒndeten Konservativen Partei gewĂ€hlt.
Bei der Unterhauswahl 2006 stiegen die Konservativen zur stĂ€rksten Kraft auf und bildeten am 6. Februar 2006 unter Harpers FĂŒhrung eine Minderheitsregierung. Zwei Jahre spĂ€ter vergröĂerten sie ihren WĂ€hleranteil, verpassten aber die absolute Mehrheit der Sitze erneut. Dies gelang schlieĂlich bei der Unterhauswahl 2011. Nach der Wahlniederlage bei der Unterhauswahl 2015 gab Harper den Parteivorsitz auf, das Amt des Premierministers trat er am 4. November an Justin Trudeau von der Liberalen Partei ab. 2016 verzichtete er auf sein Parlamentsmandat und zog sich aus der kanadischen Politik zurĂŒck. Seit 2018 ist er Vorsitzender der International Democrat Union, einem Dachverband konservativer Parteien.
Contents
âą Premierminister
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Hintergrund und frĂŒhe politische Karriere
Harper ist der Àlteste von drei Söhnen von Margaret (geborene Johnston) und Joseph Harper, einem Buchhalter bei Imperial Oil. Er wuchs in Leaside auf, einem Vorort von Toronto.cite-ref-1[1]cite-ref-2[2] Seine Vorfahren stammten aus der englischen Grafschaft Yorkshire und waren 1784 nach Nova Scotia ausgewandert.cite-ref-3[3]
Harper ging in Etobicoke in der Provinz Ontario zur Schule. 1978 schrieb er sich an der University of Toronto ein, unterbrach aber nach nur zwei Monaten sein Studium und zog nach Calgary in der Provinz Alberta, um bei Imperial Oil zu arbeiten.cite-ref-4[4] Er war zunĂ€chst in der internen Postverteilung beschĂ€ftigt, spĂ€ter arbeitete er am Computersystem des Unternehmens. 1981 nahm er sein Wirtschaftsstudium an der University of Calgary wieder auf. Er schloss 1985 als Bachelor ab und erwarb 1991 den Master of Arts. SpĂ€ter war er oft Gastdozent an seiner frĂŒheren UniversitĂ€t. 1993 heiratete er Laureen Teskey, das Paar hat zwei Kinder.
Bereits zu UniversitĂ€tszeiten engagierte sich Harper politisch, und zwar im Young Liberals Club, der Jugendabteilung der Liberalen Partei. Da er mit der Energiepolitik von Premierminister Pierre Trudeau nicht einverstanden war, wechselte er spĂ€ter zur Progressiv-konservativen Partei.cite-ref-5[5] 1985 war er Assistent des Unterhausabgeordneten Jim Hawkes. EnttĂ€uscht ĂŒber die seiner Ansicht nach unverantwortliche Finanzpolitik des damaligen Premierministers Brian Mulroney, trat er 1986 aus der Partei aus. Auf Einladung von Preston Manning beteiligte er sich am GrĂŒndungskongress der Reformpartei. Dabei handelte es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Interessengruppen aus Westkanada, die unzufrieden mit der mangelnden BerĂŒcksichtigung westkanadischer Interessen waren. Beim Verfassen des Wahlprogramms fĂŒr die Unterhauswahl 1988 spielte Harper eine fĂŒhrende Rolle.cite-ref-6[6]
1988 trat Harper im Wahlkreis Calgary West gegen seinen frĂŒheren Arbeitgeber Hawkes an, unterlag aber deutlich mit nur 16,6 % der Stimmen. Die Reformpartei gewann keinen einzigen Sitz. Nachdem Deborah Grey im MĂ€rz 1989 eine Nachwahl gewonnen hatte und der Reformpartei damit den ersten Wahlerfolg beschert hatte, war Harper bis 1993 ihr Chefassistent, Berater und Redenschreiber.cite-ref-7[7] Er war darĂŒber hinaus bis Oktober 1992 Hauptverantwortlicher fĂŒr das Parteiprogramm der Reformpartei, zerstritt sich dann aber mit dem Parteivorsitzenden Preston Manning wegen unterschiedlicher Ansichten zum Charlottetown Accord (Harper lehnte diesen grundsĂ€tzlich ab, wĂ€hrend Manning anfĂ€nglich kompromissbereit war).cite-ref-8[8]
Unterhausabgeordneter und Lobbyist
Bei der Unterhauswahl 1993 trat Harper in Calgary West erneut gegen Hawkes an und gewann mit groĂem Vorsprung (52,2 % der Stimmen). Die Reformpartei profitierte vom totalen Einbruch der bisher regierenden Progressiv-konservativen Partei und etablierte sich als drittstĂ€rkste Kraft. WĂ€hrend seiner ersten Amtszeit als Unterhausabgeordneter beschĂ€ftigte sich Harper hauptsĂ€chlich mit Finanzfragen und Verfassungsreformen. Zwar gehörte er nicht dem radikalen FlĂŒgel der Reformpartei an, vertrat jedoch in einzelnen Bereichen sozialkonservative Ansichten.cite-ref-9[9]
Harper versuchte, den wachsenden Einfluss des populistischen FlĂŒgels auf den Kurs der Reformpartei zu verringern und kritisierte öffentlich Mitglieder der eigenen Partei. Da der Vorsitzende Preston Manning nicht gewillt war, in dieser Angelegenheit einzugreifen, verlieĂ Harper die Partei. Er gab am 14. Januar 1997 sein Parlamentsmandat auf und wurde noch am selben Tag zum VizeprĂ€sidenten der National Citizens Coalition gewĂ€hlt.cite-ref-10[10] Wenige Monate spĂ€ter war er PrĂ€sident dieser konservativen Lobbygruppe. Unter anderem trat er fĂŒr die Privatisierung der kanadischen GesundheitsfĂŒrsorge und fĂŒr einen konservativen Kurswandel in der Gesellschaftspolitik ein.
Vorsitzender der Kanadischen Allianz
Als sich Jean Charest 1998 aus der Bundespolitik zurĂŒckzog, erwog Harper, fĂŒr den Vorsitz der Progressiv-konservativen Partei zu kandidieren. Zu jenen, die eine mögliche Kandidatur Harpers unterstĂŒtzten, gehörten Regierungsberater von Ontarios Premierminister Mike Harris.cite-ref-11[11] Er entschied sich aber letztlich dagegen, weil er dadurch âzu viele BrĂŒcken zu jenen Personen in der Reformpartei abreiĂenâ wĂŒrde, mit denen er jahrelang gearbeitet hatte. AuĂerdem wĂŒrde dadurch das Projekt gefĂ€hrdet, die Parteien des rechten Spektrums zu einer Allianz zusammenzufĂŒhren.cite-ref-12[12] 2000 entstand als Nachfolgerin der Reformpartei die Kanadische Allianz, die weniger populistisch ausgerichtet war. Doch der neuen, von Stockwell Day angefĂŒhrten Partei gelang es bei der Unterhauswahl 2000 nicht, ihren Einfluss ĂŒber Westkanada hinaus auszudehnen, sodass die Liberale Partei weiterhin an der Macht blieb.
Nach dem Tod von Pierre Trudeau schrieb Harper im Oktober 2000 einen Leitartikel in der National Post. Er kritisierte Trudeaus Politik, da sie sich auf Westkanada weiterhin negativ auswirke. Harper zufolge habe sich Trudeau âdie modischen Themen seiner Zeit zu eigen gemacht, mit einem schwankenden MaĂ an Enthusiasmus und unterschiedlichen Ergebnissenâ. Er habe aber âdarauf verzichtet, sich um jene Dinge zu kĂŒmmern, die wirklich dieses Land definierenâ.cite-ref-13[13] Daraufhin beschuldigte Harper Trudeau, âunverfrorenen Sozialismusâ unterstĂŒtzt zu haben, und behauptete, kanadische Regierungen zwischen 1972 und 2002 hĂ€tten das Wirtschaftswachstum mittels âStaatskorporatismusâ beschrĂ€nkt.cite-ref-14[14]
Harper war sich bewusst, dass nur die Vereinigung aller konservativen KrĂ€fte einen Machtwechsel ermöglichen wĂŒrde. Um dieses Ziel zu erreichen, trat er der Kanadischen Allianz bei und erklĂ€rte am 3. Dezember 2001, dass er fĂŒr den Parteivorsitz kandidieren werde. Der Ton zwischen ihm und seinem Hauptkonkurrenten Day wurde schĂ€rfer, als Harper die Leitung der Partei als âamateurhaftâ bezeichnetecite-ref-15[15] und Day bezichtigte, eine zu schmale Parteibasis um die religiöse Rechte aufzubauen.cite-ref-16[16] Day wiederum warf Harper vor, er greife ethnische und religiöse Minderheiten an.cite-ref-17[17] Am 20. MĂ€rz 2002 setzte sich Harper bei der parteiinternen Wahl gegen Day durch, indem er sich bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit von 55 % sicherte.
Nach der Wahl zum Parteivorsitzenden kĂŒndigte Harper an, dass er am 13. Mai 2002 zur Nachwahl im Wahlkreis Calgary Southwest antreten werde (dieser Sitz war nach dem RĂŒcktritt von Preston Manning frei geworden). Die Liberalen stellten keinen Gegenkandidaten auf und folgten damit einer parlamentarischen Tradition, den Vorsitzenden einer oppositionellen Partei nicht zu konkurrieren; Jim Prentice von den Progressiv-Konservativen zog seine Kandidatur zurĂŒck.cite-ref-18[18] Harper erzielte 71,7 % der Stimmen und setzte sich damit deutlich gegen den Kandidaten der NDP durch.
OppositionsfĂŒhrer und Vorsitzender der Konservativen Partei
Harper zog zum zweiten Mal ins Unterhaus ein und wurde OppositionsfĂŒhrer. Er ĂŒberwand seine Differenzen mit Stockwell Day und schrieb im MĂ€rz 2003 mit ihm zusammen einen Leserbrief an das Wall Street Journal. Darin verurteilten sie den Widerwillen der kanadischen Regierung, sich an der Invasion des Iraks zu beteiligen.cite-ref-19[19] Inzwischen hatten geheime Verhandlungen mit der FĂŒhrung der Progressiv-Konservativen ĂŒber einen Zusammenschluss begonnen. Stephen Harper und Peter MacKay, die beiden Parteivorsitzenden, gaben am 16. Oktober 2003 die bevorstehende Fusion bekannt. Am 5. Dezember stimmten die Mitglieder der Kanadischen Allianz mit 96 % fĂŒr den Zusammenschluss, am 6. Dezember jene der Progressiv-Konservativen mit 90 %. Zwei Tage spĂ€ter wurde die neu gebildete Konservativen Partei offiziell registriert. Erstmals seit 16 Jahren war es damit gelungen, die konservativen KrĂ€fte im kanadischen Parteienspektrum unter einem Dach zu bĂŒndeln.
Am 20. MĂ€rz 2004 kandidierte Harper fĂŒr das Amt des Vorsitzenden der Konservativen Partei und gewann gleich im ersten Wahlgang mit 56,2 % der Stimmen; dabei setzte er sich gegen Belinda Stronach und Tony Clement durch.cite-ref-20[20] Bei der nachfolgenden Unterhauswahl am 28. Juni 2004 wurden die Konservativen zweitstĂ€rkste Partei, auch wenn der WĂ€hleranteil kleiner ausfiel als jener der VorgĂ€ngerparteien zusammen. Gleichwohl waren die regierenden Liberalen von Premierminister Paul Martin zur Bildung einer Minderheitsregierung gezwungen, wobei Harper weiterhin OppositionsfĂŒhrer blieb. Die Liberale Partei war durch den so genannten Sponsoring-Skandal geschwĂ€cht und ihr Ansehen sank laufend, als die parlamentarische Untersuchungskommission neue EnthĂŒllungen publik machte.
Am 24. November 2005 brachte Harper ein Misstrauensvotum ein und sagte vor den Abgeordneten, dass âdiese Regierung das Vertrauen des Unterhauses verloren hat und beseitigtâ werden mĂŒsse. Die Liberale Partei konnte nicht mehr auf die UnterstĂŒtzung der sozialdemokratischen NDP zĂ€hlen, da sie deren Plan zur Verhinderung der Teilprivatisierung des Gesundheitswesens abgelehnt hatte. Das Misstrauensvotum war mit 171 zu 133 Stimmen erfolgreich (das erste Mal ĂŒberhaupt in der Geschichte Kanadas).cite-ref-21[21] Als Folge davon löste Generalgouverneurin MichaĂ«lle Jean das Parlament auf und setzte fĂŒr den 23. Januar 2006 eine vorgezogene Neuwahl an.
Harper galt bisher als harter Ideologe, der auch manchen Sympathisanten der Konservativen zu weit rechts stand. In den Wochen vor der Unterhauswahl 2006 bemĂŒhte er sich verstĂ€rkt, ein anderes Bild von sich in der Ăffentlichkeit zu zeichnen. Der begeisterte Eishockeyfan, der sogar ein Buch ĂŒber die Geschichte des Sports veröffentlicht hatte, versuchte sich Ă€hnlich wie US-PrĂ€sident George W. Bush als âmitfĂŒhlender Konservativerâ (compassionate conservative) zu zeigen. Er setzte sich fĂŒr die StĂ€rkung des Gesundheitswesens ein und forderte die steuerliche Entlastung breiter Bevölkerungsschichten. Viele seiner Wahlversprechen â Betonung der Familienwerte und mehr VerbrechensbekĂ€mpfung durch strengere Polizeigesetze â sowie sein Wahlkampfstil erinnerten an Auftritte der Republikaner in den USA. Seine politischen Gegner warfen ihm eine unkritische Anbiederung an die US-Regierung vor.
Premierminister
Erste Minderheitsregierung (2006â2008)
Bei der Unterhauswahl am 23. Januar 2006 gingen die Konservativen wieder als stĂ€rkste Kraft hervor, verpassten die absolute Mehrheit der Sitze jedoch deutlich. Harper erhielt den Auftrag zur Bildung einer Minderheitsregierung und wurde am 6. Februar 2006 als neuer Premierminister vereidigt. Er musste gegen eine Mehrheit aus Liberalen, Neuen Demokraten und dem separatistischen Bloc QuĂ©bĂ©cois regieren. AuĂenpolitisch rĂŒckte Harper Kanada wieder nĂ€her zu den USA. Sein VorgĂ€nger Paul Martin hatte in einigen wichtigen Fragen (Ablehnung des Irakkriegs, Zustimmung zum Kyoto-Protokoll, Legalisierung leichter Drogen) die Abgrenzung zu Washington gesucht und damit das traditionell enge VerhĂ€ltnis zu Washington belastet. Harper erhöhte das MilitĂ€rbudget und baute die Beteiligung der Armee bei den Friedensmissionen in Haiti und Afghanistan aus. In Bezug auf den Irak verkĂŒndete er, dass er keine Notwendigkeit sehe, kanadische Truppen in das Land zu entsenden.
Weltweites Aufsehen erregte am 11. Juni 2008 seine Entschuldigung bei den First Nations Kanadas fĂŒr eine seit 1870 systematisch betriebene Politik der Zwangsassimilierung in Residential Schools.cite-ref-22[22] Die Anpassung der Kinder an die Zivilisation im modernen, weiĂen Kanada war Hand in Hand mit der UnterdrĂŒckung ihrer kulturellen, sprachlichen und ethnischen IdentitĂ€t gegangen. Die Rede Harpers im kanadischen Parlament, der unter anderem der StammesfĂŒhrer Phil Fontaine beiwohnte, bezeichneten Kommentatoren als âhistorische Gesteâ.cite-ref-23[23]
Zu den gesetzgeberischen TĂ€tigkeiten der ersten Legislatur gehörte unter anderem die Steuersatzsenkung bei der Goods and Services Tax, die von der Regierung Mulroney eingefĂŒhrt worden war: zunĂ€chst von 7 auf 6 %, spĂ€ter auf 5 %.cite-ref-24[24] Der im Dezember 2006 in Kraft getretene Federal Accountability Act eliminierte Spenden von Unternehmen und Gewerkschaften an politische Parteien, verschĂ€rfte die Lobbying-Regeln und schuf eine unabhĂ€ngige Kontrolle von Ausgaben und Buchhaltung der Regierung.cite-ref-25[25]
Zweite Minderheitsregierung (2008â2011)
Da im August 2008 die Oppositionsparteien mit dem Stellen der Vertrauensfrage gedroht hatten und ihre UnterstĂŒtzung bei Gesetzgebungsverfahren verweigertencite-ref-26[26], kĂŒndigte Harper am 7. September eine vorgezogene Neuwahl fĂŒr den 14. Oktober 2008 an.cite-ref-27[27] Diese gewann er zwar, seine Partei verfehlte aber erneut die absolute Mehrheit.cite-ref-28[28] Harper setzte seine Minderheitsregierung fort, sah sich aber schon nach wenigen Wochen angesichts der Finanzkrise massiver Kritik an seinem wirtschaftspolitischen Kurs ausgesetzt. Die Oppositionsparteien stellten fĂŒr den 8. Dezember 2008 ein Misstrauensvotum gegen Harper in Aussicht. Bei erfolgreichem Ausgang hĂ€tten die Liberalen und die Neuen Demokraten mit Duldung des Bloc QuĂ©bĂ©cois eine Koalitionsregierung gebildet. Harper beantragte daraufhin bei Generalgouverneurin MichaĂ«lle Jean die Aussetzung des Parlamentsbetriebs bis zum 26. Januar 2009, um in der Zwischenzeit ein Konjunkturprogramm auszuarbeiten. Vier Tage vor dem geplanten Misstrauensvotum genehmigte sie Harpers Antrag. Oppositionsvertreter sahen in diesem Schritt nur eine Verzögerung des Scheiterns der konservativen Minderheitsregierung.cite-ref-29[29]
Am 30. Dezember 2009 beantragte Harper bei der Generalgouverneurin erneut die Aussetzung des Parlamentsbetriebs fĂŒr drei Monate und begrĂŒndete dies wiederum mit der Ausarbeitung eines Wirtschaftsprogramms. Die Opposition bezeichnete diese MaĂnahme als GeringschĂ€tzung der demokratischen Institutionen und warf der Regierung vor, sie wolle lediglich unbequemen Fragen zum Einsatz kanadischer Truppen in Afghanistan ausweichen.cite-ref-30[30] Am 23. Januar 2010 fanden in 20 kanadischen StĂ€dten Demonstrationen gegen die âSchlieĂung der Demokratieâ statt.cite-ref-31[31] Im November 2010 Ă€uĂerte sich Harper an der âInternationalen Parlamentarierkonferenz gegen Antisemitismusâ in Ottawa pointiert gegen Antisemitismus. Dabei machte er deutlich, dass Kanada unmissverstĂ€ndlich die Position Israels verteidigen werde.cite-ref-32[32]
Nachdem eine parlamentarische Untersuchungskommission zu dem Schluss gelangt war, dass Harpers Regierung dem Parlament in verschiedenen FĂ€llen wichtige Informationen vorenthalten oder verschwiegen hatte, verweigerten die Oppositionsparteien wegen âGeringschĂ€tzung des Parlamentsâ ihre Zustimmung zum Budget. Mit einem Misstrauensvotum, das mit 156 zu 145 Stimmen erfolgreich war, erzwangen sie am 25. MĂ€rz 2011 eine vorgezogene Neuwahl.cite-ref-33[33] Bei der Unterhauswahl am 2. Mai 2011 gelang Harpers Konservativer Partei der Gewinn der absoluten Mehrheit der Sitze.cite-ref-34[34] WĂ€hrend die NDP erstmals stĂ€rkste Oppositionskraft wurde, rutschten die Liberalen auf den dritten Platz ab.
Mehrheitsregierung (2011â2015)
In den Monaten nach der Wahl entbrannte der âRobocall-Skandalâ, bei dem die Konservative Partei der Wahlmanipulation beschuldigt wurde. Insbesondere in der Region Guelph (Ontario) hatten zahlreiche WĂ€hler automatisierte Anrufe erhalten, bei denen sie aufgefordert worden waren, sich zu einem nicht existierenden Wahllokal zu begeben. Der Vorwurf lautete, dadurch sei die Wahlbeteiligung gesenkt worden, wovon konservative Kandidaten profitiert hĂ€tten.cite-ref-35[35] Nach ĂŒber zwei Jahre dauernden Ermittlungen der Wahlbehörde Elections Canada und der Royal Canadian Mounted Police wurde Michael Sona, ein Angestellter der Konservativen Partei, angeklagt und im November 2014 zu neun Monaten Haft verurteilt.cite-ref-36[36]
Zu Beginn seiner Amtszeit war Harpers Regierung gegenĂŒber Umweltschutzthemen noch relativ aufgeschlossen gewesen. So war 2006 die Clean Air Regulatory Agenda eingefĂŒhrt worden, die zum Ziel hatte, die Luftverschmutzung zu begrenzen. Konkrete gesetzgeberische MaĂnahmen blieben jedoch in den folgenden Jahren fast vollstĂ€ndig aus. Im Gegenteil wurden zugunsten der Industrie sogar verschiedene Bestimmungen gelockert. Anstrengungen zur EinfĂŒhrung einer CO2-Steuer gab es nur auf Provinzebene in British Columbia, QuĂ©bec und Ontario, wĂ€hrend diese auf Bundesebene unterblieben.cite-ref-37[37] Im Dezember 2011 gab die Regierung bekannt, dass sich Kanada formell vom Kyoto-Protokoll zurĂŒckziehen werde. Der damalige Umweltminister Peter Kent begrĂŒndete dies damit, dass das Protokoll nicht als globale Lösung im Kampf gegen den Klimawandel geeignet sei. Der RĂŒckzug wurde ein Jahr spĂ€ter vollzogen.cite-ref-38[38] Die Konservative Partei wurde verschiedentlich kritisiert, sie schrĂ€nke die Möglichkeiten fĂŒr Wissenschaftler im Dienste der Bundesregierung ein, sich in der Ăffentlichkeit, in den Medien oder sogar gegenĂŒber anderen Wissenschaftlern zu Ă€uĂern. Sie musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie versuche, die Debatte um Umweltthemen zu drosseln, indem sie Wissenschaftler âzum Schweigen bringeâ oder âmundtotâ mache.cite-ref-39[39]cite-ref-40[40] In diesem Zusammenhang habe Harper systematisch umweltrelevante Datenbanken von seinen Ministerien komplett verschwinden lassen.cite-ref-41[41]
Da die Legislaturperiode ihre volle LĂ€nge von vier Jahren erreicht hatte, fand die Neuwahl ordnungsgemÀà am 19. Oktober 2015 statt. Am 2. August löste Generalgouverneur David Johnston auf Anweisung Harpers das Parlament auf. Bei der Unterhauswahl erlitten die Konservativen eine empfindliche Niederlage und fielen von 166 auf 99 Sitze zurĂŒck. Dies war insbesondere auf den Zusammenbruch der konservativen UnterstĂŒtzung im SĂŒden Ontarios (allen voran im Ballungsraum Toronto) und in den atlantischen Provinzen zurĂŒckzufĂŒhren. Harper selbst wurde im Wahlkreis Calgary Heritage (im Grunde sein frĂŒherer Wahlkreis mit leicht verĂ€nderten Grenzen) wiedergewĂ€hlt. Wenige Stunden nachdem der Sieg der Liberalen Partei festgestanden hatte, trat Harper als Vorsitzender der Konservativen Partei zurĂŒck; er fĂŒhrte aber zunĂ€chst sein Parlamentsmandat als HinterbĂ€nkler weiter aus.cite-ref-42[42] Sein Amt als Premierminister ĂŒbergab er am 4. November an Justin Trudeau. Am 22. August 2016 erhielt er den ukrainischen Orden der Freiheitcite-ref-43[43]. Vier Tage spĂ€ter legte Harper auch sein Mandat im kanadischen Unterhaus nieder und zog sich damit aus der Politik zurĂŒck.cite-ref-44[44] Im Dezember 2019 wurde er als Companion in den Order of Canada aufgenommen und erhielt damit die wichtigste zivile Auszeichnung des Landes auf höchster Stufe.cite-ref-45[45]
Siehe auch
Literatur
âą Adam Chapnick, Christopher J. Kukucha (Hrsg.): The Harper Era in Canadian Foreign Policy: Parliament, Politics, and Canada's Global Posture. University of British Columbia Press, Vancouver 2016, ISBN 978-0-7748-3319-6.
âą William Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. McClelland & Stewart, Toronto 2005, ISBN 0-7710-4350-3.
Weblinks
Commons
: Stephen Harper
â Album mit Bildern
âą Website des Premierministers von Kanada
⹠Stephen Joseph Harper. In: The Canadian Encyclopedia. Abgerufen im 1. Januar 1 (englisch, französisch).
âą Stephen Harper â biografische Angaben auf der WebprĂ€senz des kanadischen Parlaments (englisch)
âą Stephen Harper bei IMDb
Einzelnachweise
cite-note-11. â Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 5.
cite-note-33. â Roy MacGregor: Tracing the Prime Minister's family tree. In: The Globe and Mail. 25. Mai 2009, abgerufen am 3. November 2015 (englisch).
cite-note-44. â Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 12.
cite-note-55. â Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 19.
cite-note-77. â Geoff White: Ottawa will be hearing from Reform MP. In: Calgary Herald. 21. April 1989, S. A5.
cite-note-88. â Johnson: Stephen Harper and the Future of Canada. S. 179â183.
cite-note-99. â Richard Dufour: Who is Stephen Harper, the Conservative poised to be Canadaâs next prime minister? In: WSWS. 20. Januar 2006, abgerufen am 3. November 2015 (englisch).
cite-note-1010. â Stephen Harper named A NCC Vice-President. In: Canada NewsWire. 14. Januar 1997.
cite-note-1111. â Jack Aubry: Battle lines being drawn up for ideological heart of Tories. In: The Hamilton Spectator. 7. April 1998, S. C3.
cite-note-1212. â Scott Feschuk: Harper rejects run at Tory leadership. In: The Globe and Mail. 10. April 1998, S. A1.
cite-note-1313. â Stephen Harper: On second thought. In: National Post. 5. Oktober 2000, S. A18.
cite-note-1414. â Stephen Harper: Get the state out of the economy. In: National Post. 8. Februar 2002, S. A14.
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